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Matrix statt Slack oder Teams?

Ein Raster aus dreizehn stilisierten Sprechblasen auf hellem Sandton. Der Text in den Blasen ist nicht lesbar, die Zeilen sind nur als graue Balken angedeutet. Zwölf Blasen in Weiß und Beige treten zurück. Eine einzelne Blase in der Mitte ist korallrot hervorgehoben und größer als alle anderen.
KI generiert

Wer heute in Unternehmen arbeitet, kennt das: Man nutzt Chat-Systeme (Messenger), um auf schnellem Wege miteinander zu kommunizieren, sowohl schriftlich als auch per Videochat. Inzwischen zählen zu den Nutzern zwei Drittel der deutschen Unternehmen ab 20 Beschäftigten. Privat werden Chats noch häufiger verwendet: 83 Prozent der 16- bis 74-Jährigen in Deutschland benutzen WhatsApp, Signal oder ähnliche Dienste. Um diese privaten Anwendungen soll es aber heute nicht gehen.

Ich stelle euch heute Matrix und die zugehörigen Oberflächen vor. Zur Einordnung vorab: Matrix ist ein kleiner Konkurrent von Teams und Slack, aber einer, der nach einem anderen Prinzip gebaut ist.

Ich nutze Matrix seit über einem Jahr selbst, deshalb fange ich mit der Praxis an: was das Protokoll überhaupt ist und wie sich der Messenger im Alltag schlägt. Danach geht es ums Geld. Matrix kostet nichts, also habe ich nachgesehen, wer die Entwicklung eigentlich trägt. Und zum Schluss um die größten Nutzer:innen, die europäischen Verwaltungen.

Für alle, die nicht genau wissen, wozu Teams und Slack in Unternehmen eingesetzt werden, habe ich am Ende dieses Beitrags noch einen Erklärteil angehängt.

Was ist Matrix?

Matrix ist ein offenes Protokoll für dezentralisierte Kommunikation. Sicherheit (in Form von Verschlüsselung) ist dabei zentral. Das Protokoll selbst ist die Infrastruktur für den Messenger, mit dem Nutzer:innen interagieren, also der Nachrichtenaustausch, die Chaträume, aber auch die technischen Schnittstellen. Matrix umfasst aber nicht die Oberfläche, also den Teil des Programms, den Nutzer:innen sehen und mit einem Messenger in Verbindung bringen. Es gibt keine Matrix-App, sondern der Messenger läuft über einen anderen Anbieter, zum Beispiel Element.

Die Software von Matrix ist Open Source und kann somit von allen installiert und entsprechend der Lizenz meist kostenfrei benutzt werden. Wir betreiben einen Matrix-Server, der auf unserer eigenen Infrastruktur zu Hause läuft. Wenn Matrix zum Beispiel Slack in einem Unternehmen ersetzen soll, dann ist es sinnvoll, so wie wir einen eigenen Server aufzusetzen. Oder man bezahlt jemanden, der den Server verwaltet. Denn so ist es möglich, maximale Kontrolle über Nutzerdaten zu haben. Aber Matrix bietet auch einen kostenlosen Account mit beschränktem Zugriff an. Für Unentschlossene eine super Gelegenheit, das Angebot auszuprobieren.

Und wie sieht das Ganze in der Praxis aus?

Wer Matrix benutzt, kann zwischen verschiedenen Oberflächen auswählen. Element ist die bekannteste. Manche der Oberflächen sind mobil verfügbar, andere als Desktop-App, manche wiederum können auch direkt im Web-Browser verwendet werden. Ich persönlich nutze Element als Windows-App, auf meinem Handy läuft derzeit neben Element auch FluffyChat.

Element als Desktop-App unter Windows. Links die Raumliste in einem Space, in der Mitte ein aktiver Chat. Man kann Reaktionen auf eine Nachricht hinterlassen und in einem Thread antworten. Rechts ist der geöffnete Thread-Bereich.
Element auf dem Desktop: links die Raumliste, in der Mitte der aktuelle Raum, rechts der geöffnete Thread.

Die Nutzung ist nicht immer intuitiv: Beim Einloggen muss man ggf. den eigenen Server mit der URL angeben; ein Hindernis für weniger technische User. Außerdem steht die Sicherheit bei Matrix im Mittelpunkt. Um sich auf unterschiedlichen Geräten anzumelden, muss man sich mit einem anderen Gerät verifizieren oder einen Recovery Key eingeben. Das ist wichtig. Am besten speichert man diesen direkt im Passwortmanager ab.

Sobald diese erste Hürde überwunden ist, wird es für alle einfach, die sich zum Beispiel mit Slack auskennen: Es gibt Räume und Chats, man kann direkt mit Personen oder mit Gruppen kommunizieren, Videomöglichkeiten werden auch angeboten.

Wie bei anderen Messengern sieht man auch mobil die verfügbaren Räume und kann darüber chatten.

Die Thread-Ansicht in FluffyChat. Oben der Hinweis Reply in thread, darunter eine Nachricht mit Herz-Reaktion und eine Antwort, unten das Eingabefeld mit dem Hinweis Unencrypted message.
Derselbe Thread mobil. „Unencrypted message“ zeigt an, dass in diesem Raum die Verschlüsselung ausgeschaltet wurde. Festlegbar pro Raum.

Der Messenger erfüllt alle grundlegenden Anforderungen an ein Chat-Tool: öffentliche und private Räume, themenbezogene Sektionen, Rechtemanagement, Videochat, Dokumentenablage. Texte können bearbeitet werden, es gibt Threads und Antwortmöglichkeiten. Über die API können automatisiert Nachrichten gepostet werden. Zudem habe ich mir Automatisierungen gebaut, mit denen neue User angelegt und zu Gruppen hinzugefügt werden können. Das ist praktisch und auch nicht sonderlich kompliziert.

Matrix ist föderativ aufgesetzt: User aus unterschiedlichen Matrix-Instanzen können in gemeinsamen Chats zusammenkommen. Wer also zum Beispiel an einem gemeinsamen Projekt mit mehreren Unternehmen arbeitet, kann auch externe Matrix-User auf den eigenen Server einladen.

FluffyChat auf dem Handy. Am linken Rand eine schmale Spalte mit den Symbolen mehrerer Spaces, daneben eine Suchleiste und darunter eine Liste von Räumen mit Namen wie General Diskussions, Partners and Connections, Marketing und Design and UX.
FluffyChat auf dem Handy: links die Spaces, rechts die Räume darin.

Und trotz all dieser Features ist Matrix nicht Slack oder Teams. Diese Tools decken inzwischen Projektmanagement-Anforderungen ab: Dort sind Listen und andere Kollaborationsmöglichkeiten eingebaut, es gibt umfassende Automatisierungen und viele Feel-Good-Features. Zudem sind Integrationen für Matrix nicht einfach verfügbar. Auch die Suche ist umständlicher als bei anderen Diensten, denn wenn die Nachrichten verschlüsselt sind, kann der Server sie nicht durchsuchen. Die Suche wird deshalb in der App ausgeführt, was je nach Gerät und Anwendung unterschiedlich gut klappt.

Man kann festhalten: Wer von Slack zu Matrix wechselt, wird wahrscheinlich das ein oder andere vermissen bzw. die Bedienung weniger intuitiv finden. Dafür kostet Matrix erst einmal nichts, während Slack und Teams pro Person und Monat abrechnen. Zudem liegen die Daten auf der eigenen Infrastruktur. Und nicht zuletzt ist man mit der Nutzung bereit, aktiv ein europäisches Open-Source-Projekt zu unterstützen. In jedem Falle sind gute Kommunikation und sorgfältiges Change Management zentral, sollte man sich dafür entscheiden, auf Matrix umzusteigen.

Nun liegt die Frage auf der Hand: Da Matrix nichts kostet, wie genau hält sich das Protokoll eigentlich über Wasser?

Wer trägt Matrix?

Lasst uns dafür an den Anfang im Jahr 2014 gehen: Matthew Hodgson und Amandine Le Pape begannen die Entwicklung von Matrix, während sie bei Amdocs an einer Software arbeiteten, die Telefonie, Video und Chat zusammenbringen sollte. Ihr Ziel war es, Kommunikationssilos aufzubrechen und VoIP und Instant Messaging so allgegenwärtig und offen zu machen wie E-Mail.

Seit Oktober 2018 steht hinter dem Projekt eine eigene Community Interest Company mit Sitz in London. Das ist eine britische Gesellschaftsform für gemeinnützige Zwecke. Ihr geistiges Eigentum ist über einen Asset Lock gebunden und kann nicht verkauft oder weitergegeben werden. Die Foundation versteht sich als neutrale Treuhänderin des Protokolls: Offenheit statt proprietärer Bindung, Interoperabilität statt Fragmentierung.

Das ist jedoch nicht die ganze Geschichte. Matrix hängt direkt mit dem Unternehmen Element zusammen, also jenem Anbieter, der die Chat-Oberfläche zur Verfügung stellt. Es wurde von denselben beiden Gründer:innen aufgebaut und trägt den größten Teil der Entwicklung: Nach eigenen Angaben hat Element über 95 Prozent der Kernentwicklung von Matrix gestemmt. Laut dem ersten öffentlichen Jahresbericht der Foundation stammt die Hälfte der Einnahmen aus der Mitgliedschaft von Automattic. Trotz gestiegenen Umsatzes ist der Verlust noch immer sehr hoch. Die Foundation schreibt selbst, sie sei unverhältnismäßig abhängig von Elements Sach- und Geldleistungen, was nicht tragfähig sei.

Aus diesem monetären Engpass heraus stellte Element im November 2023 die Lizenz seiner Server-Implementierungen um (darunter Synapse, von Apache 2.0 auf AGPLv3). Das zwingt bestimmte Nutzergruppen dazu, entweder ihren Code öffentlich zu machen oder eine kommerzielle Lizenz bei Element zu kaufen. Element begründete den Schritt damit, im eigenen Ökosystem nicht mehr konkurrenzfähig zu sein. Dies ist eine klare Reaktion auf die schwierige Situation, in der sich viele Open-Source-Projekte befinden: Die Software wird von vielen großen Unternehmen benutzt, jedoch tragen sie kaum oder gar nicht zu deren Erhalt bei.

Die großen Nutzer:innen von Matrix sind aber gar keine Unternehmen, sondern europäische Verwaltungen. Zur Foundation trägt davon kaum eine bei. Mitglied sind bisher genau zwei öffentliche Stellen: die gematik seit Juni 2023 und die französische Digitalbehörde DINUM seit Oktober 2025. BWI, das Unternehmen, das für die deutsche Bundeswehr Software entwickelt, kauft Beratung bei Element ein. Das Geld geht dann aber an die Firma, nicht an die Foundation.

Die Foundation stellt heraus, dass offene Infrastruktur öffentlich finanziert gehört. Ich finde das Argument überzeugend. Die Liste der Verwaltungen, die Matrix einsetzen, ist lang. Die Mitgliederliste ist es nicht.

Matrix: der Messenger für Verwaltungen und das Gesundheitswesen?

Wie bereits diskutiert, ist Matrix besonders interessant für Behörden, die viele Anforderungen zu erfüllen haben: Der Datenschutz muss eingehalten werden, der Quellcode prüfbar sein, und die zwischenbehördliche Kommunikation muss funktionieren, ohne dass beide Seiten dasselbe Produkt kaufen müssen. Genau dafür ist ein föderiertes Protokoll gebaut.

In Frankreich ist Matrix am weitesten verbreitet. Der Staat betreibt mit Tchap einen eigenen Matrix-Messenger, entwickelt von der Digitalbehörde DINUM. Seit September 2025 sind Verwaltungen verpflichtet, Tchap zu nutzen.

In Deutschland wird bereits seit Ende 2020 der BwMessenger für die Bundeswehr eingesetzt. Daraus entstand 2023 der BundesMessenger für die zivile Verwaltung. Jedoch ist die Nutzung nicht verpflichtend und es ist nicht klar, wie viele aktive Nutzer:innen es wirklich gibt.

Zudem entwickelt die gematik den TI-Messenger im Gesundheitswesen. Gerade dieses Produkt klingt in der Theorie richtig gut, denn Anbieter im Gesundheitswesen sollen mit anderen Anbietern und Patient:innen darüber sicher kommunizieren können. Es wird sich zeigen, wie die Einführung in der Realität voranschreitet. Das Potential von Matrix wird aber gerade bei diesem Projekt deutlich.

Weitere Einsätze in Europa:

Land / InstitutionWas dort läuftStand
LuxemburgLuxchat4Gov, Matrix-basiert, Rechenzentren im Landrund 25.000 Staatsbedienstete zum Start (Mai 2023)
SchwedenFörsäkringskassan (Element) und Trafikverket (Rocket.Chat) sind über Matrix verbundenPilot, Ausweitung nach dem Sommer 2026 geplant; Matrix soll als gemeinsamer Standard empfohlen werden
ÖsterreichUniversität Innsbruck: Synapse, Element und Jitsi Meet mit SSO35.000 Studierende und Beschäftigte, seit Oktober 2020
DeutschlandSchul-Messenger ByCS (Bayern) und Schulchat RLP sowie die Polizei BrandenburgAngaben von Element; keine Nutzerzahlen

Und jetzt?

Matrix ist ein in Europa weit verbreitetes Open-Source-Kommunikationsprotokoll. Zumindest im öffentlichen Sektor. Verwaltungen nutzen die Lösung gern, denn für sie ist Komfort zweitrangig. Volle Kontrolle über die Sicherheit des Kommunikationswegs steht an erster Stelle. Aus diesem Grund basieren diverse Messenger in unterschiedlichen Ländern, Institutionen und Gemeinden auf dem Matrix-Protokoll. Sie nutzen dann jedoch meistens ihre eigenen Oberflächen.

Und ja, ab und zu nerven manche Dinge. Man muss den Recovery Key immer bereithalten, wenn man ein neues Gerät anmeldet, aber mal ganz ehrlich, das ist eine Kleinigkeit. Von der Benutzerfreundlichkeit passt das gut und ich nutze die gut dokumentierte API viel und umfangreich. Grundsätzlich bin ich fest davon überzeugt, dass mit gutem Training und transparenter Kommunikation nicht nur Behörden, sondern eben auch größere Unternehmen Matrix sehr gut nutzen könnten, jedoch ist die Umstellung oftmals nicht unproblematisch und es braucht Fingerspitzengefühl und Transparenz, um alle mitzunehmen.


Eine Fußnote: Wofür nutzen Unternehmen überhaupt Messenger?

Trotz der Verbreitung dieser Systeme gibt es viele Menschen, die nie mit unternehmensinternen Chat-Systemen gearbeitet haben und somit den Sinn dessen auch nicht sehen. Deswegen diese Fußnote, sie ist eine kurze Einführung.

Viele Unternehmen haben ein internes Chat-System, zu dem alle Mitarbeiter:innen mit einem dedizierten User Zugriff haben. Man kann direkt miteinander schreiben, so wie eben bei WhatsApp, und es gibt auch Gruppen. Hier beginnen sich die Anwendungen aber zu unterscheiden: Themenbezogene Gruppen sind bei den unternehmensinternen Systemen zentral. Jedes Team hat Gruppen, in denen es miteinander spricht, dazu kommen Projekte sowie private und öffentliche Chats. Diese Dienste haben somit unterschiedliche Funktionen:

  • Organisation der täglichen Arbeit (Operations)
  • Projektbezogene Koordination
  • Absprache zwischen Teams
  • Strategischer Austausch
  • Externe Koordination mit Partnern und Kund:innen

Die Chat-Systeme haben zum größten Teil die Telefonie abgelöst, denn die meisten Anbieter haben Videokonferenzsysteme integriert.

Die bekannten Anbieter sind schnell aufgezählt:

  • Microsoft Teams ist Teil von Microsoft 365 und damit in den meisten Büros einfach schon da. Wie viel dieser Vorteil wert ist, steht in einer Entscheidung der EU-Kommission vom 12. September 2025. Die vorläufige Einschätzung der Kommission: Microsoft halte seit mindestens 2017 über 70 bis 80 Prozent des weltweiten Marktes für SaaS-Produktivitätsanwendungen (die genaue Zahl ist geschwärzt), und die Kopplung von Teams an diese Anwendungen sei ein Missbrauch dieser marktbeherrschenden Stellung. Entschieden wurde das nie. Microsoft bot stattdessen Zusagen an, die Kommission erklärte sie für verbindlich, und damit endete ein Verfahren, das 2020 mit einer Beschwerde von Slack begonnen hatte.
  • Slack gehört seit 2021 zu Salesforce. Eine aktuelle Nutzerzahl gibt es nicht, die letzte selbst veröffentlichte Angabe waren 10 Millionen täglich aktive Nutzer:innen im Januar 2019.
  • Mattermost ist Open Source und lässt sich selbst hosten, wird aber von einem US-Unternehmen entwickelt. In Europa nutzen es unter anderem CERN und Wikimedia Deutschland.

Bei der Recherche fiel mir noch etwas auf: Es gibt keine öffentliche Statistik darüber, welchen Messenger europäische Unternehmen tatsächlich einsetzen. Eurostat erhebt, ob Firmen Online-Meetings abhalten, nicht womit. Bitkom fragt nach Kategorien, nicht nach Produkten. Und die Bundesregierung antwortet für ihre eigenen Behörden nur als Verschlusssache.

Und ihr? Arbeitet jemand von euch in einer Organisation, die Matrix produktiv einsetzt, oder es probiert und wieder verworfen hat? Gerade zu der Frage, wie gut die Oberflächen im Alltag mit weniger technikaffinen Kolleg:innen funktionieren, würde ich gern mehr hören. Schreibt mir!